„Aber das ist doch alles Hysterie!“ Über die Wissenschaftsverleugnung in Krisenzeiten

Repost: Der Text stammt aus dem Herbst 2023 und ist ursprünglich auf Focus Online erschienen.

Der Sommer 2023 war geprägt von Temperaturrekorden, Starkniederschlägen, Überflutungen und Waldbränden. In Tirol kollabierte gar ein ganzer Berggipfel in Folge des tauenden Permafrosts. Klimaforscher zeigten sich geschockt darüber, wie früh ihre Befürchtungen Realität wurden, als etwa nie zuvor beobachtete Temperaturextreme im Nordatlantik gemessen wurden.

In diversen sozialen Medien trendeten währenddessen Hashtags wie #Klimahysterie und #ClimateScam. „Alles Blödsinn und Betrug!“ hieß es sinngemäß auch in wütenden Nutzer-Kommentaren auf verschiedenen Nachrichtenseiten.

„Ist diese Realitätsverweigerung nicht völlig absurd?“ – eine berechtigte Frage und Anlass für eine psychologischen Einordnung.  

Absurde Logik oder menschlich?

Vorweg die Frage: Ist es eine Überraschung, dass mit den zunehmenden Wetterextremen und dem Sichtbarwerden von Klimawandelfolgen auch die Klimaleugnungs-Extreme zunehmen? Die Antwort aus Sicht der Psychologie lautet: Nein, ist es nicht. Es deckt sich mit dem, was wir aus zahlreichen verhaltenswissenschaftlichen Studien schon vorher wussten.

Intuitiv würden wir natürlich annehmen, dass niemand mit einigermaßen klarem Verstand den menschgemachten Klimawandel noch leugnen kann. Es passiert schließlich genau das, wovor die Klimaforschung seit Jahrzehnten warnt. Mitunter sogar schneller als befürchtet. Die Wissenschaft hatte Recht, die Gegenstimmen ganz offensichtlich unrecht. „Wieviel Beweise braucht es noch?“ könnte man fragen. Die zunehmenden Extremereignisse sollten doch eigentlich auch die letzten Zweifler überzeugen, könnte man denken.

Tja. Falsch gedacht.

Drei Treiber der Verleugnung

Verschiedenen Faktoren tragen zur Realitätsverweigerung bei, und drei davon möchte ich näher erläutern:  Erstens, sogenannte „Bestätigungsfehler“ (engl.: Confirmation Bias), zweitens die gestiegene Politik- und Wissenschaftsskepsis in der Bevölkerung und drittens die Hyperaktivität aggressiver Wissenschaftsverleugnungsorganisationen, die ihre Botschaften gut auf Weltbilder und Lebenseinstellungen abstimmen.

Menschen haben nun mal die Tendenz, lieber nach Bestätigungen für ihre bestehende Meinung zu suchen, anstatt sich Gegenpositionen auszusetzen. Das spart kognitive Energie und ist effizient. Hat sich eine Meinung einmal gebildet, ändert sich diese durch neu hinzukommende Informationen nur bedingt. Neue Informationen werden gerne ausgeblendet, wenn sie der bestehenden Meinung widersprechen, oder sie werden entsprechend umgedeutet. Eine Rekordflut oder ein einstürzender Berggipfel können der festen Überzeugung, es gäbe keinen menschgemachten Klimawandel, nichts anhaben. Die direkte Konfrontation mit Gegenbeweisen zur eigenen Meinung ist außerdem schmerzhaft. Aus Studien wissen wir, dass sie sogar eher zum Einzementieren der eigenen Meinung führt als zum Umdenken. (Quelle: https://link.springer.com/article/10.1007/s11109-010-9112-2)

Hinzu kommt eine steigende Skepsis gegenüber Politik und Wissenschaft. Schon 2020 hatten laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums nur etwa die Hälfte der Westeuropäer*innen hohes Vertrauen in die Wissenschaft hinsichtlich Umweltthemen (Quelle: https://www3.weforum.org/docs/WEF_More_Sustainable_World.pdf). Politiker und Politikerinnen gehören ohnehin schon länger zu jener Bevölkerungsgruppe, der am stärksten misstraut wird. Beides zusammen genommen fördert naturgemäß die Zweifel an einer von der Wissenschaft identifizierten Herausforderung, die politische Maßnahmen erfordert.

Von Zweifeln und Skepsis betroffen sind zudem eher jene Menschen, die sich als Verlierer des gesellschaftlichen Wandels fühlen oder Abstiegsängste haben. Politik- und Wissenschaftsskeptiker*innen haben bereits die Corona-Maßnahmen stärker abgelehnt und trauen auch dem Klima-Thema weniger als es die Durchschnittsbevölkerung tut. Während der Pandemie haben sich bekanntlich verschiedene Protest-Gruppen und Kanäle in sozialen Medien gebildet. Die Kommunikationsstrukturen und das Publikum bestehen also. Es liegt die Vermutung nahe, dass diese jetzt von Klimaleugnern systematisch mit Falschinformationen bespielt werden.

Weltbilder spielen in der Wahrnehmung der Klimakrise ebenfalls eine bedeutende Rolle. Auf der einen Seite konservative, nationale oder marktliberale Gesinnung, auf der anderen Seite das politisch grün besetzte Klima-Thema mitsamt erdrückenden Faktenlage. Wenn jedoch Weltbilder und Fakten in Konflikt geraten, dann unterliegen die Fakten, sagt der Kommunikationsexperte Carel Mohn. (Webinar-Tipp zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=5i_Zcq1ZbvQ)

„Der kollektive Selbstbetrug ist verlockend.
Eine brauchbare Zukunftsperspektive bietet er allerdings nicht.“

Die derzeit hyperaktiven, geradezu aggressiv-nervösen Klimaleugnungsorganisationen und ihre verlängerten Arme setzen genau hier an. Sie bestätigen den misstrauischen Menschen ihre Zweifel und bieten ihnen alternative Erklärungen an, die ins eigene Weltbild passen. Privatmedien in Eigentümerschaft von Milliardären und fossilen Konzernen spielen brav mit bei Verleugnung, Ablehnung, Skepsis und Verharmlosung: Sie geben den alternativen Erklärungen, den Verzögerungsdiskursen und den Falschinformationen großzügig Raum. Sie befeuern einen destruktiven Kulturkampf rund um ein Thema, das eigentlich eine drängende gesamtgesellschaftliche Herausforderung wäre. 

Scheinlösungen und Selbstbetrug

Hartgesottene Klimaleugner*innen sind prozentuell in der Minderheit und von ihrer Überzeugung kaum mehr abzubringen. Die vielerorts betriebene Verharmlosung und das Streuen von Zweifeln kommen aber auch jener Mehrheit recht, die die Katastrophe nicht so richtig wahrhaben will. Die wahrgenommenen Zweifel nähren die leise Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wäre, dass man alles ganz einfach bewältigen könnte – mit Scheinlösungen wie Wasserstoffheizungen oder angeblich nachhaltigen Flugtreibstoffen. Während sich Wissenschafter*innen angesichts dessen in zunehmender Verzweiflung die oft nur noch spärlich vorhandenen Haare raufen, erfreuen sich klimapolitische Märchenerzählungen beim Wahlvolk beachtlicher Beliebtheit. Der kollektive Selbstbetrug ist verlockend. Eine brauchbare Zukunftsperspektive bietet er allerdings nicht.  

Aus der Traumwelt mit Wundertechnologien und Weiter-wie-bisher-Lösungen aufzuwachen bedeutet, sich der Klima-Realität zu stellen. Das ist ein schwieriger und schmerzhafter Prozess, an dessen Ende die eigene Welt nicht mehr dieselbe ist wie vorher. Die „schlafwandelnde Mehrheitsgesellschaft“ (Zitat Reinhard Steurer) hat diesen Prozess noch vor sich.

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